Ein Leserbrief
Was mich bei der Frage nach Verhältnis von Religion und Wissenschaft am meisten aufregt, ist, wie bequem man es sich eingerichtet hat, um sich gegenseitig nur ja nicht weh zu tun. So, wie ich die Dinge sehe, hat man sich offenbar auf die Formel geeinigt, dass das Diesseits der Wissenschaft gehört, und das Jenseits den Religionen. So hat jeder sein Spielfeld und man kann konfliktfrei miteinander, oder besser, aneinander vorbei reden. Bloß führt dieser faule Kompromiss, und das scheinen mir die meisten zu übersehen, sowohl zu einer ruinösen Theologie, als auch zu einer ruinösen Wissenschaft.
Warum es zu einer ruinösen Theologie führt, ist sofort offenbar. Gott steckt demnach nur noch in den Dingen, die sich die Wissenschaft nicht oder noch nicht erklären kann. Dieser Gott ist ziemlich bedauernswert, er ist auf dem dauernden Rückzug. Er wird immer kleiner, wie Professor Oberhummer richtig sagt. Gott ist am Ende nur noch für die Hirngespinste zuständig. Der konfessionell gläubige Wissenschaftler aber, das ist der vielleicht weniger offensichtliche und vielleicht auch streitbarere Teil meiner Argumentation, betreibt eine ruinöse Wissenschaft. Denn er trägt ständig zur Entweihung der Welt bei. Wo er hinkommt, vertreibt er Gott. Er nimmt der Welt ”ihr Geheimnis”. Er reduziert sie auf Kausalitäten. Er durchschaut sie. Was man durchschaut hat, ist entlarvt, beherrschbar, ohne Geheimnis, weniger wert. Hier wird deutlich, wo dieser faule Kompromiss hinführt: nämlich zur Verachtung der Schöpfung selbst. Um naturwissenschaftliche Erkenntnis und Glauben an irgend eine sog. heilige Schrift in ihrem Kopf unterbringen zu können, ohne dabei verrückt zu werden, sind diese Wissenschaftler bereit, oder machen das Spiel unbewusst mit, die Schöpfung zu etwas Minderwertigem zu degradieren, denn das Göttliche befindet sich ja immer dahinter, oder darüber, oder sonstwo, ist aber jedenfalls unzugänglich (sie nennen die Schöpfung dann herablassend: die „materielle Welt“, als gäbe es eine andere; über den m.E. schädlichen Einfluss der idealistischen Philosophie auf Wissenschaft und Weltbild ließe sich ein eigener Aufsatz schreiben). Solche Wissenschaftler tragen dazu bei, die Welt nach und nach immer mehr zu verachten, statt sie mit fortschreitendem wissenschaftlichen Erkenntnisstand immer faszinierender zu finden und selbst immer demütiger zu werden. Das alles hat folgende haarsträubende Konsequenz: der im säkularisierten Teil der Welt lebende Gläubige erstarrt vor Ehrfurcht, wenn er von Geistern hört, die nachts poltern, von Engeln, die irgend einen pseudopsychotherapeutischen Quatsch daherreden, oder von Toten, die uns aus dem Jenseits Banalitäten erzählen. Der Blick in den Himmel aber lässt ihn kalt. Den können die Astronomen ja erklären. Furchtbar.
Es ist Zeit, Bilanz darüber zu ziehen, was uns die Religionen gebracht haben. Über die Welt und ihre Entstehung steht in den sog. heiligen Schriften nur Unsinn; als Werteordnung sind sie entweder überflüssig (für „du sollst nicht töten“ brauche ich keinen so aufwändigen theologischen Apparat aufzuziehen, solches gilt selbst bei “primitiven” Stämmen) oder äußerst fragwürdig (siehe etwa die Rolle der Frau im Islam oder im Christentum); und für die persönliche Seelsorge, als Lebensphilosophie sind sie unzulänglich: was darüber in den Schriften steht, versteht in Wirklichkeit kaum noch jemand. Und die Psychotherapie ist hier eindeutig das bessere Instrument.
Ich höre hier auf, sonst werde ich zu lang. Nur zum Schluss: die Bestimmtheit der Atheisten bewundere ich. Mir verbietet meine Demut, die Existenz Gottes zu leugnen. Und ich habe Respekt vor dem, was Menschen heilig ist. Ich würde niemandem weh tun wollen.




Anmerkung: Der Verfasser dieser so trefflich formulierten Zeilen ist uns namentlich bekannt, möchte aber anonym bleiben. Um auf den letzten Absatz zu antworten, wäre nun eine ausführliche erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Abhandlung erforderlich. Nur so viel: Selbstverständlich ist jeder Atheist erkenntnistheoretisch ein Agnostiker, der sich wissenschaftstheoretisch der Nullhypothese verpflichtet fühlt (Deshalb auch die Vereinsbezeichnung AG-ATHE). Zur Demut: Die verbietet mir, anzunehmen, dass sich erstens ein allmächtiges und allwissendes Weden mit so etwas Unbedeutendem wie dem Menschen überhaupt abgäbe, und zweitens, anzunehmen, dass so etwas Unbedeutendes wie der Mensch eine unsterbliche Seele haben soll…!